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Lernfutter ohne Ballaststoffe

25.08.2010
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Chegg it out und gib's zurück: Eine Online-Plattform für den Verleih von akademischen Lehrbüchern macht gerade den amerikanischen Buchmarkt nervös. Im Herzen des Silicon Valley, im kalifornischen Santa Clara, wo man in virtuellen Autos durch virtuelle Hügel zu virtuellen Arbeitsplätzen fährt, virtuelle Orangenbrause trinkt und der Welt Tag für Tag gigatonnenbitweise Virtualität verkauft, waren in den letzten Tagen erstaunliche Töne zu hören: In der Zukunft irgendwann könnte es einmal digitale Lehrbücher geben. "Einstweilen aber lieben es die Studenten, Bücher tatsächlich zu fühlen." So spricht Aayush Phumbhra, der Mitbegründer des rasant wachsenden Start-up-Unternehmens Chegg.com, welches vom Magazin TechCrunch jüngst als "Geldmaschine" bezeichnet wurde, weil es bereits fünf Jahre nach der Gründung einen geschätzten Jahresumsatz von mindestens 130 Millionen Dollar aufweise.

Auch der neue Vorstandsvorsitzende von Chegg, Dan Rosensweig, der zuvor schon einen Topjob bei Yahoo innehatte und bis zum Februar dieses Jahres bei Activision Blizzard für die Goldesel-Software "Guitar Hero" verantwortlich war, widerspricht im aktuellen Interview mit Kara Swisher von "All Things Digital" der allgemeinen These eines schnellen Siegeszugs des E-Textbooks: "Eines Tages mag das so kommen, aber ich glaube nicht, dass es bald ist." Dieser Zwölf-Milliarden-Dollar-Markt sei immer noch buchgetrieben, und das zu Recht: "Ein Reader-Gerät hat keine längere Akkulaufzeit als ein Buch, ist nicht leichter als ein Buch und man kann eigentlich auch kaum mehr mit ihm anfangen." Das hätte kein bibliophiler Nostalgiker schöner sagen können.

Was diese ostentative Sympathie für das traditionelle Medium im Software-Tal zu erklären vermag, ist der Umstand, dass Chegg zwar ein Online-Unternehmen ist, aber eines, das mit Realien handelt (ohne einfach eine Verkaufsplattform zu sein). Das Kerngeschäft besteht in der Vermietung von Lehrbüchern an Studenten im gesamten Land. "Lächerlich teuer" seien die anzuschaffenden Bücher, betont Rosensweig und gibt sich als Retter der finanziell Bedrückten. Chegg nämlich verleihe das Gewünschte für einen Bruchteil der Kosten.

Der Name "Chegg" ist eine Kontraktion aus "Chicken" und "Egg" und soll andeuten, dass man das Huhn-Ei-Problem gelöst habe. Gute Ausbildung sei nötig für einen guten Job, aber ein guter Job scheine nötig, um eine gute Ausbildung finanzieren zu können. Chegg helfe nun, die Ausbildungskosten zu drücken, und zwar bereits an 6400 Colleges. Klein ist der Bruchteil allerdings nicht, meist muss ein Drittel oder gar die Hälfte des Ladenpreises gezahlt werden - pro Semester.

Im Grunde handelt es sich um die geschickte Web-Optimierung der sehr alten Idee, gefragte Lehrbücher, welche keine Universitätsbibliothek in der benötigten Zahl vorhält, nach Gebrauch weiterzuverkaufen. Viele College-Buchläden in den Vereinigten Staaten bieten auch längst Gebrauchtausgaben an, doch nur minimal preiswerter als die neuen Lehrbücher. Zurückgekauft werden sie jedoch zu einem Spottpreis. Mit Chegg kommen die Studenten da zurzeit besser weg, außerdem ist die Auswahl mit mehr als vier Millionen Titeln gigantisch. Wie viel das Unternehmen seinen Kunden erspart, also dem Handel an Verlusten beschert haben will, zeigt seit einiger Zeit eine Echtzeit-Sparuhr auf der Webseite an: bislang 250 Millionen Dollar. Mit seinem Geschäftsmodell steht die Chegg-Plattform nicht nur quer zu den Interessen des etablierten Buchmarkts, sondern natürlich auch zu denen der Verlage, die mit einer noch eklatanteren Preissteigerung - die Teuerung liegt schon jetzt mit sechs Prozent bei der doppelten Inflationsrate - reagieren könnten, wenn in den folgenden Jahren die Erlöse dramatisch einbrechen sollten. Die Verlage haben es indes verschlafen, nach dem Modell der Filmindustrie teurere Verleih-Ausgaben zu erfinden. Chegg kauft seine Ausgaben nicht einmal zum regulären Preis, sondern übernimmt sie zum Secondhandpreis von Studenten, die Lehrbücher ohne viele Gebrauchsspuren abstoßen wollen. Das amortisiert sich schnell.

Mit Geschick und viel Risikokapital - hundertsechzig Millionen Dollar - werden so zurzeit neue Fakten auf dem amerikanischen Lehrbuchmarkt geschaffen: Etwa achtzig Prozent des Buchverleihmarkts soll Chegg bereits abdecken. Inzwischen werden die Gründer Aayush Phumbhra und Osman Rashid, die den Verleih noch als Studenten der Iowa State University aufgezogen haben, von Profis aus dem Digitalbusiness unterstützt, die einschlägige Erfahrungen mitbringen. Nun geht es um das große Geschäft. Allein in Santa Clara beschäftigt Chegg 120 Mitarbeiter, weitere Mitarbeiter sind in einem Versandhaus in Kentucky tätig. Rosensweig soll dem Vernehmen nach den Börsengang vorbereiten und zu diesem Zweck das Portfolio erweitern. Eingeführt wurde bereits eine Verkaufsoption für Bücher unter zwanzig Dollar, mit deren Verleih sich kaum Geld verdienen lässt. Zurzeit befindet man sich auf großer Einkaufstour, um der Plattform komplementäre Dienste hinzuzufügen. Die jüngste Erwerbung ist die Website "CourseRank", die im Jahre 2007 von drei Studenten der Stanford University gegründet wurde. Sie ermöglicht eine effiziente Studienplanung und bietet Kursbewertungen. Das hat dieses Portal so beliebt werden lassen, dass es heute an über 175 Colleges und Universitäten der Vereinigten Staaten genutzt wird - eine perfekte Ergänzung zum Buchverleih.

Chegg hat seine direkten Verleih-Konkurrenten wie "Campus Book Rentals" und "Book Renter" überflügelt. Amazon - immer wieder als möglicher Käufer von Chegg im Gespräch - setzt nach wie vor auf Bücherverkauf respektive auf die Gebühren bei Nutzung der Plattform für den Wiederverkauf. Die an Colleges stark vertretenen Buchhandelsketten Follett Higher Education Group und Barnes & Noble haben den Wettbewerb angenommen und legen zurzeit Pilotprogramme zum Lehrbuchverleih auf: Bei Barnes & Noble soll das Leihen eines Buches etwa vierzig Prozent des Neupreises kosten. Diese und weitere Buchhandlungen greifen damit jedoch zunächst einmal Gelder ab, die der amerikanische Kongress für solche Projekte zur Verfügung gestellt hat: Auch die Politik nämlich sieht im Verleihbusiness eine Chance, die Ausbildungskosten zu drücken. Mit der Kosteneffizienz eines zentral organisierten Buchverleihs ohne Niederlassungen dürften die Buchhandlungen letztlich aber kaum mithalten können.

Leidtragende der generalstabsmäßigen Langzeitbewirtschaftung von Lehrbüchern sind in erster Linie die Fachverlage. Sollten sie die Preise weiter anheben, wird Chegg sogar davon profitieren, weil sich die Vermietpreise am Neupreis ausrichten. Es könnte aber sein, dass gerade das vermeintliche Plädoyer des Silicon Valley für echte Bücher zum schnelleren Einsatz der E-Books führt, weil hierbei die Verlage - dann wiederum zu Lasten des herkömmlichen Buchhandels - immerhin pro Auslieferung eine Beteiligung erhalten würden. Auch damit könnte Rosensweig vermutlich gut leben, für den ein Buch ohnehin eine Ware wie jede andere ist. "Dan und Bücher", fragt ihn Kara Swisher, da wunderten sich doch viele. Er lacht und sagt: "Das stimmt. Ich lese sie ja nicht, ich verleihe sie nur."

OLIVER JUNGEN

, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2010, Nr. 19