Der Wissenschaftsrat, das wichtigste akademische Beratungsgremium, hat soeben Empfehlungen für die Entwicklung der Fachhochschulen (FHs) in Deutschland gegeben. An Bedeutung übertreffen sie manches, was über Exzellenz, Bologna oder andere Reformprojekte gesagt wird. Denn Urteile über die Fachhochschulen betreffen nicht die Spielwarenabteilung des Bildungssystems, sondern seinen Kern. Zwar studieren rund zwei Drittel eines Jahrganges an Hochschulen und Universitäten, und nur ein Drittel an Fachhochschulen. Doch hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand sagt fast jeder, der mit Bildungs- und Wissenschaftspolitik beschäftigt ist: Besser wäre es umgekehrt. Denn die meisten Studierenden erwarten von den Hochschulen genau das, wofür die Fachhochschulen entworfen wurden: das zügige Hingeführtwerden zu berufsnahen Qualifikationen.
Aber anstatt den Fachhochschulsektor entsprechend zu Lasten der Universitäten auszubauen und diesen dafür eine Reduktion ihrer Betreuungsaufgaben - damit einhergehend allerdings auch ihres Personals für Forschung - zu gewähren, folgt die Politik bis heute dem sinnlosen Imperativ, an der Spitze des Bildungssystems alle Funktionen zu konzentrieren. Studierende, die eine berufsnahe Bildung wollen, werden Forschern ausgeliefert, denen dazu nichts einfällt. Das nennt man dann Bologna-Reform.
Entsprechend ist der Numerus Clausus an manchen Fachhochschulen inzwischen strenger als an Universitäten - weil manche Studenten schon mitbekommen haben, wo "employability" nicht nur draufsteht, sondern auch drin ist. An FHs kamen 2008, wie der Wissenschaftsrat feststellt, auf einen Professor gut 40 Studierende, an Universitäten waren es gut 58, die ihn im Vergleich zu denen an FHs noch dazu nur die Hälfte der Zeit sahen. Dafür verfügen die FHs über deutlich weniger "Mittelbau", also Stellen unterhalb der Professur. Die Relation des gesamten wissenschaftlichen Personals zu den Studierenden beträgt an Universitäten rund 1:9, an FHs 1:28.
Der Andrang an die FHs, an denen sich Studierende gut betreut sehen, ist aber nur die eine Seite. Zugleich wandern den Fachhochschulen viele Studenten, die gut abschneiden, nach ein paar Semestern an die Universitäten ab, deren Titel mehr gelten. Die Fachhochschulen ihrerseits drängen auf das Recht zu promovieren, denn geforscht wird an manchen von ihnen ja durchaus. Sie nutzen das Englische, um durch die Übersetzung ihres Namens als "universities of applied sciences" zu erscheinen; eine Sprachregelung, die die Hochschulrektorenkonferenz akzeptiert hat. Und sie fordern leichte Übergänge von ihren Abschlüssen in den Master-Bereich der Universitäten, denn oft ist tatsächlich nicht einzusehen, was einem FH-Bachelor in Betriebswirtschaftslehre im Vergleich zu einem fehlen soll, der sich sein Zertifikat an einer Universität ersessen und erbüffelt hat.
Was rät nun der Wissenschaftsrat in dieser paradoxen Lage? Zunächst teilt er mit, die zwei Typen, Universität und Fachhochschule, seien sinnvoll, aber nicht vollständig. Die dualen Hochschulen in Baden-Württemberg, die Berufstätigkeit und Studium kombinieren, entziehen sich dieser Alternative genau so wie Professionsschulen für Juristen (Bucerius Law School) oder globales Verwaltungspersonal (Hertie School of Governance). Ob die Politik etwas mit dem Votum des Wissenschaftsrats anfangen kann, eine große Typenvielfalt des Hochschulsystems mit FHs, die mehr seien als traditionelle FHs und dann noch ganz anderen Hochschulformen, sei wünschenswert, aber an der Leitunterscheidung FH/Universität solle festgehalten werden, kann man dahingestellt sein lassen. Es wäre das erste offizielle Gutachten, dessen Rede "Ja, ja" und "Nein, nein" lautete.
Viel informativer dürfte der Hinweis auf die Typenvielfalt von Hochschulen sein, wenn man ihn auf das erwartbare Schicksal mancher nominellen Universität bezieht, die sich demnächst als höhere Fachhochschule eingestuft sehen wird. Der Universität Flensburg ist diese Zukunft gerade offiziell mitgeteilt worden, und sie wird gewiss nicht die letzte sein. Denn es wird ja die Frage zu beantworten sein, was denn das Profil derjenigen Universitäten sein soll, die keinesfalls für Exzellenzdemonstrationen in Betracht kommen. Der Aufruf des Wissenschaftsrats an die Universitäten, stärker mit Fachhochschulen zu kooperieren, darf insofern auch als Rat verstanden werden, in ihnen Artverwandte zu erkennen.
Der Primat der Lehre gelte bei alledem für FHs weiterhin. Zugleich aber plädiert der Wissenschaftsrat dafür, an FHs Forschungsprofessuren mit einer auf neun Wochenstunden reduzierten Lehrpflicht zu etablieren. Zieht man die Zeit ins Kalkül, die heute ein Universitätsprofessor mit dem Absitzen von Drittmittelantrags-Kommissionen und Exzellenz-Gremien verbringt, könnte eine solche FH-Forschungsprofessur nachgerade attraktiv werden.
Konkret empfiehlt der Wissenschaftsrat, die Fachhochschulen stärker für die Lehrerbildung zu nutzen. Man kann die Uhren also doch zurückdrehen; denn eben die Verlagerung der Lehrerbildung an die Universitäten war bis vor kurzem das bildungspolitische Credo außerhalb Baden-Württembergs. Auch ein Ausbau des Studiums von "Gesundheitsberufen" wird für die Fachhochschulen empfohlen. Der Wissenschaftsrat scheint überdies von den FHs zu erwarten, dass sie demographischen Veränderungen und ihrer politischen Aufnahme Rechnung tragen: Unter dem etwas verblasenen Titel "Gestaltung von Diversität" behandelt er kaum verhohlen die Frage, wo Studenten, die nach traditionellen Maßstäben nicht zum Studium befähigt sind, dennoch studieren können und was man mit ihnen dann macht.
Das liest sich in der Empfehlungsprosa so: "Die demographische Entwicklung und die wachsende Relevanz lebenslangen Lernens erhöht die Diversität der Studierenden. Dies stellt die Hochschulen vor eine große Herausforderung und erfordert eine entsprechende Sensibilisierung bzw. Ausbildung des Lehrpersonals sowie gegebenenfalls den Einsatz zusätzlicher finanzieller Mittel." Wir notieren hier nur: Es rollt auf die Hochschulen ein Problem zu, das trocken und klar zu beschreiben den Reformfunktionären derzeit noch die Rücksichtnahme auf moralische Empfindlichkeiten zu verbieten scheint: Was soll aus den akademisch - und wir betonen: akademisch - Unbegabten werden, die man trotzdem um jeden Preis in die Erfolgsstatistik der höheren Bildung mit aufnehmen will?
JÜRGEN KAUBE Die Empfehlungen des Wissenschaftsrats finden sich zusammen mit viel statistischem Material zur Lage der Fachhochschulen unter: http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/10031-10.pdf

