Deutsche Studenten zeichnen sich gemäß einer Untersuchung von Tino Bargel (Universität Konstanz) im Auftrag des Bundesbildungsministeriums durch Teilnahmslosigkeit und Uneindeutigkeit, Konventionalität und mangelndes Demokratieverständnis aus. Das reformierte Bildungssystem scheint in erster Linie stromlinienförmige Durchschnittsabsolventen als Ideal zu haben. Wie aber sieht es mit den Hochschuldozenten aus, die per definitionem dazu da sein sollten, den Studenten das wissenschaftliche, kritische Denken beizubringen? Wie es scheint, könnte man die Attribute der Studie in vielen Fällen von den Studenten auf die Hochschullehrer übertragen: Die Hochschule der Zukunft wird, wenn alles so weitergeht wie bisher, noch stärker als heute geprägt sein von Dozenten, die zu schlechten finanziellen Bedingungen in durchbürokratisierten Instituten den Großteil ihrer Zeit damit verbringen, Gelder einzutreiben, Formulare auszufüllen, Prüfungsordnungen anzupassen, Studiengänge zu modularisieren und nebenher Studenten zu verwalten.
Wer aber soll dieses Denken den Studenten noch vermitteln, wenn die Lehrer sich nur noch als ausführende Organe einer höheren Macht oder als Opfer der Reformen sehen? Der für Juni dieses Jahres geplante bundesweite Bildungsstreik von Studenten und Schülern wendet sich gegen diese zunehmende Wettbewerbs- und Verwertungslogik an den deutschen Bildungseinrichtungen. Dass Streikaufrufe aus den studentischen Reihen laut werden, ist, traditionell gesehen, nicht sonderlich bemerkenswert. Nach den Achtundsechzigern waren es in den Achtzigern und Neunzigern die Dozenten, die die Studenten geradezu dazu aufforderten, an Demonstrationen teilzunehmen, um ihre Rechte einzuklagen.
Inzwischen hat sich das Blatt gewendet: Studentenvereinigungen fordern die Dozenten dazu auf, mit ihnen auf die Barrikaden zu gehen, wie unlängst bei einer Podiumsdiskussion in Heidelberg zu erleben war. Die Studenten, das war die klare Botschaft, wollen die Bürde nicht länger allein tragen. Sie begreifen die Dozenten keineswegs mehr als ihre Gegner, sondern als Verbündete und versuchen diese zu mobilisieren, mit ihnen gegen die allseits unzulänglichen Bedingungen zu protestieren: Überfüllte Seminare, überfrachtete Stundenpläne bis hin zur faktischen Unmöglichkeit, aus Mangel an Prüfern sich prüfen zu lassen. Zeit für intensives Studieren oder Forschen ist auf beiden Seiten dabei nicht mehr vorgesehen. Geistige Inkubationszeit ist auf ein Minimum reduziert.
Wo aus Zeitmangel keine Ideen entstehen können, wächst auch kein Widerspruchsgeist. Oder sind es andere Gründe, die die Hochschullehrer bislang weitgehend daran hinderten, eindeutig Stellung zu beziehen: die Überforderung, die Angst vor disziplinarischen Konsequenzen oder vielleicht eine Form von Phlegma, das sich aus einer unguten Mischung aus Obrigkeitshörigkeit und Resignation speist? So saßen neben dem Gründer des "Heidelberger Forums für Kritische Theorie und Wissenschaft", Friedemann Vogel, bezeichnenderweise lediglich solche Lehrer auf dem Podium, die auf Grund ihres Ruhestands schlicht die Zeit und Kraft dazu hatten, zu Bildungsfragen Stellung überhaupt zu beziehen, oder aber einfach nichts mehr zu befürchten haben, wie der Berliner Politikwissenschaftler Peter Grottian und der Rechtswissenschaftler und Altrektor der Universität Heidelberg Peter Hommelhoff; daneben der Mainzer Theologe Marius Reiser, der seinen Lehrstuhl unlängst zurückgegeben hatte (F.A.Z. vom 14. Januar) und den Bologna-Prozess als "Freiheitsberaubung mit Mitteln der Privatwirtschaft" bezeichnete.
Die Großeltern- und die Enkelgeneration, ehemalige Professoren und heutige Studenten, sind sich offenbar einig. Grottian wetterte etwas pauschal und unter donnerndem Applaus gegen die "McDonaldisierung des Bildungswesens", in dem die jungen Leute nach dem "Fastfoodprinzip" abgefüttert und als "examinierter Schrott" in das Berufsleben entlassen würden. Bezeichnungen wie diese sind offenbar gang und gäbe im Jargon mancher Hochschuldozenten, die ihrer Ohnmacht und Wut in den Seminaren mittels lamentierender Bachelor-Bashings Ausdruck geben, ohne dabei zu bedenken, was für Folgen das für die so Beschimpften haben könnte. Beschimpft gehörten ganz andere und das lautstark: Nur wenn der Ernst der Sache, nämlich die Unzumutbarkeit unter den momentanen Bedingungen zu lehren wie auch zu lernen, deutlich wird, wenn die Erschütterung spürbar ist, kann der Bildungsstreik auch eine Wirkung entfalten - zur Not auch, so Grottian, unter Inkaufnahme von Regelverstößen und deren Folgen. Für die Hochschullehrer kann nicht die Flucht nach vorn in den (Vor)Ruhestand oder in die Resignation der Weg sein. Auch sie, die Generation zwischen Enkeln und Großeltern, die Eltern also, müssen sich an der Gegenwehr beteiligen.
Die Wirtschaftskrise hat gezeigt, wie unmittelbar zu Buche schlagender ökonomischer Schaden die Politik zu sofortigem Handeln zwingen kann. Dass der Schaden, den Studenten und Hochschullehrer auf den Barrikaden verursachen können, erst langfristig ökonomisch spürbar wird, könnte jedoch das größte Problem bei der Umsetzung des Bildungsstreiks sein. Umso mehr wird das Gelingen eines solchen Streiks davon abhängig sein, dass an einem Strang gezogen wird. Die Probezeit des "Bologna"-Modells darf nicht einfach ablaufen, ohne dass die, die davon betroffen sind, deutlich darauf hinweisen, was damit angerichtet wird.
FRIEDERIKE REENTS








