Wie konnte es zu einer Hochschulreform kommen, deren Folgen jetzt weithin als ruinös empfunden werden? Eine organisations- und politiksoziologische Analyse. Von Georg Vobruba In den vergangenen Jahren wurde die Entdeckung gemacht, dass Hochschulpolitik weitgehend beliebig gestaltet werden kann, ohne dass mit ernsthaftem Widerstand von innerhalb und außerhalb des akademischen Systems zu rechnen ist. Der Grund dafür liegt darin, dass es kaum funktionierende Rückkopplungen zwischen hochschulpolitischer Steuerung einerseits und der Verantwortung für deren Ergebnisse andererseits gibt. Innerhalb der Universitäten liegt dies daran, dass sich akademische Erfolge und Misserfolge nur dem wissenschaftlichen Personal, nicht aber den Hochschulleitungen und Administrationen zurechnen lassen. Dieses Problem wird noch durch die Doppelspitze Rektor/Kanzler verschärft. Sie bedingt die Trennung zwischen einer allgemein-inhaltlichen und der finanziellen Zuständigkeit und behindert die wirksame Übernahme von Gesamtverantwortung für die Universität. Bei der Reform des sächsischen Hochschulgesetzes wurde gerade die Chance vertan, das zu ändern.
Außerhalb der Universitäten ist der Grund für den Mangel an Rückkopplung von hochschulpolitischer Steuerung und Verantwortung für deren Ergebnisse darin zu suchen, dass Hochschulpolitik kaum wahlrelevante Mehrheiten der Bevölkerung betrifft. Erstens wirkt Hochschulpolitik in Zeithorizonten, die weit über Legislaturperioden hinausgehen. Zweitens betrifft Hochschulpolitik unmittelbar nur Minderheiten, während ihre weit streuenden Effekte niemandem durch die (Wahl-)Bevölkerung zurechenbar sind. Und drittens können hochschulpolitische Erfolge der Öffentlichkeit nur schwer vermittelt werden, da sie sich nur bedingt quantifizieren und nur stark verkürzt in Geld ausdrücken lassen. Hochschulpolitische Fehlentwicklungen bleiben darum politisch unsanktioniert.
Dass hochschulpolitische Interventionen einfach realisierbar sind, bedeutet freilich keineswegs, dass sich die mit ihnen verbundenen Intentionen problemlos realisieren lassen. Bei politischen Interventionen in ein derart komplexes System, wie es das akademische System darstellt, ist vielmehr mit nicht intendierten Effekten als Normalresultat zu rechnen. Aber dies ändert nichts am Argument, im Gegenteil: Nicht intendierte Effekte lassen sich erst recht nicht auf ihre Verursacher zurückrechnen.
Wissenschaft ist nicht mehr attraktiv Die Struktur der Verantwortungsfreiheit der Hochschulpolitik wurde im Zuge des Bologna-Prozesses manifest. Im akademischen System gibt es mittlerweile einen ebenso weitreichenden wie folgenlosen Konsens, dass die Bologna-Reformen mit Blick auf alle ihre wesentlichen Ziele kontraproduktiv waren: Die Einschreibeverfahren sind komplizierter als vorher, die Studienmöglichkeiten gehen an den Studienwünschen nun weiter vorbei, die Curricula sind überladen, die Chancen der Mobilität zwischen den Universitäten, national und transnational, haben zumindest im B.A.-Studium abgenommen, die B.A.-Studierenden haben zwar die gesteigerte Sicherheit, einen Studienabschluss zu schaffen, sie haben aber mit diesem Abschluss mehr Akzeptanzprobleme auf dem Arbeitsmarkt. Daraus ergibt sich, dass sich die Studiendauer bis zum ersten verlässlich anerkannten akademischen Grad, dem M.A., durch die Reform verlängert. Insgesamt konterkariert dies das prominente Ziel, das Studium zu verkürzen. Gleichwohl zeichnet sich nur zögernd eine Reform der Reform ab. Genau das ist der Ausdruck der Struktur der Verantwortungsfreiheit der Hochschulpolitik: Sie muss sich um die Ergebnisse ihrer politischen Steuerungsversuche der Universitäten nicht kümmern, weil sie deren Folgen nicht zu fürchten hat.
Parallel zur Verschlechterung der Studiensituation an den Universitäten der Bundesrepublik Deutschland wurde das Einkommensniveau der Hochschullehrerschaft deutlich reduziert. Die Umstellung von der C- auf die W-Besoldung verringert die Chancen, erstklassigen Nachwuchs für das Wissenschaftssystem zu rekrutieren. Die deutschen Universitäten geraten sowohl zu alternativen Karrieremöglichkeiten als auch zu manchen ausländischen Universitäten ins Hintertreffen. Das primäre Problem ist dabei, dass sich immer mehr aus dem Kreis der Besten des akademischen Nachwuchses gegen eine wissenschaftliche Laufbahn entscheiden. Diese negativen Effekte überwiegen bei weitem die wenigen Erfolge in der Folge von staatlichen Exzellenzaktionen. Die deutschen Universitäten sind als Nachfrager auf dem Arbeitsmarkt immer weniger konkurrenzfähig. Einzelerfolge von Berufungen - meist Rückholaktionen aus den Vereinigten Staaten - machen das nicht wett. Im Gegenteil tragen solche Berufungen, mit denen in der Regel Zusagen eines entsprechend großen Mitarbeiterstabes verbunden sind, eher zur Verkrustung des Wissenschaftssystems bei. Die oben eingeführte These der Struktur der Verantwortungsfreiheit lässt sich hier so präzisieren: Es gelingt der Hochschulpolitik durchaus, im Wissenschaftssystem Wirkungen zu erzeugen. Aber bei diesen Wirkungen handelt es sich überwiegend um nicht intendierte Effekte, die für die entscheidenden politischen Akteure, außerhalb und innerhalb der Universitäten, folgenlos bleiben.








